Die Theorie des Spiels oder warum spielen für uns so wichtig ist (Teil 2 von 4)

Überblick:


Wissenschaftlicher Background als Basis erfolgreicher Gamification

Im ersten Teil unserer Reihe über den Zukunftstrend „Gamification“ berichteten wir über Spielmechaniken und deren Einsatzmöglichkeiten. Im zweiten Teil geht es um Spieltheorien und deren Auswirkungen. 

Spielen! Nichts als Spielen

Bereits im Mutterleib entwickeln Kinder einen Spieltrieb, der ihre Entwicklung maßgeblich fördert. Erwachsene neigen dazu, das Spiel ins Private zu verdrängen oder es gänzlich aus ihrem Lebensentwurf zu verbannen. Viele empfinden es als pure Verschwendung, ihre kostbare Freizeit mit „Daddeln“ zu verbringen – mit der Konsequenz, das Kreativität, Phantasie und Innovationsfähigkeit nur noch eingeschränkt funktionieren.

Verschiedene Studien zeigen jedoch, dass sich (Video)Spiele nicht nur positiv auf die menschliche Psyche, sondern auch auf die Fingerfertigkeit, das Gehirn sowie die Konzentrations- und Sehfähigkeit auswirken. Zudem können sie dazu beitragen, dass Hirnbereiche anwachsen, die für die räumliche Orientierung zuständig sind. Kontrastreicheres Sehen wird vor allem durch Shooter-Spiele gefördert. Interaktive Spiele unterstützen Kinder in ihren motorischen Bewegungsfähigkeiten – also beispielsweise beim Ball fangen. Auch Senioren können von Videogames profitieren. Rentner, die regelmäßig spielen, sind einer Studie zufolge emotional zufriedener und glücklicher. Auch Multitaskingfähigkeiten lassen sich verbessern. Außerdem haben Forscher belegt, dass Gamer in der Lage sind, sich schneller und bedachter zu entscheiden, da sie im Spiel unmittelbar ein Feedback auf ihre Entscheidungen erhalten. Durch häufiges Wiederholen wird die Geschwindigkeit beibehalten, aber die Trefferquote optimiert.

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Wann ist ein Spiel spielenswert?

Menschen spielen des Spielens willen, um einen gewissen „flow“ zu erleben – nämlich in einer Tätigkeit aufzugehen. Ein Spiel ist dann spielenswert, wenn Körper und Geist gleichermaßen beansprucht werden, ohne dass man dafür allzu viel Konzentration aufwenden muss. Der Spieler geht dann in seinem Handeln auf, wenn er sein Tun nicht mehr als bestimmte Tätigkeit wahrnimmt und sich, Raum und Zeit vergisst.

„So tun als ob“ treibt viele Spieler an, am Ball zu bleiben. Das Eindringen in eine Parallelwelt ermöglicht ihm, eigene Gesetzmäßigkeiten zu bestimmen. Diese müssen mit der Wirklichkeit nichts gemein haben. Vielmehr bestimmt der Teilnehmer selbst, welcher Weg für ihn der Beste ist – unabhängig von (gesellschaftlichen) Beschränkungen. Die Basis eines jeden Spiels sind immer wiederkehrende Handlungen mit Fokus auf ein bestimmtes Objekt. Ebenso sind es Regeln und Vorgaben, die beim Spieler den Reiz wecken, ganz in das Spiel einzutauchen und sich damit zu messen. Ein Fußballmatch wäre nur halb so spannend, wenn es keine Reglements gäbe und am laufenden Band Tore fielen! 

Zwischen Identifikation und Selbstaufgabe: Der psychologische Aspekt

Wissenschaftler betrachten das Spiel als Vorstufe zur Entwicklung des Verstands und der Persönlichkeit sowie als Trainingslager für das eigene Leistungsvermögen. Der Neurologe Sigmund Freud bezeichnete es als eine Art Realitätsflucht hinein in das Reich der reinen Lust, in der eigene Gesetze gelten. Tabus dürfen gebrochen, Aggressionen ausgelebt und geheime Wünsche erfüllt werden. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget beschreibt, dass sich im Spiel die Kräfte Akkommodation (Anpassung des Körpers an äußere Umstände) und Assimilation (Anpassung der Welt an das eigene Verhalten) gegenüber stehen. Um mitzuspielen, muss sich der Teilnehmer zunächst einem Kontext anpassen um sich dann die Umwelt zu eigen zu machen. Der Psychologe Lew Semjonowitsch Wygotski sieht den Spielsinn im Erfüllen eigener Träume – in andere Rollen zu schlüpfen, jeden beliebigen Ort zu erreichen und alles wahr werden zu lassen. Für die aktuelle Forschung bildet das Spiel die Grundlage, eine eigene Identität zu entwickeln, die Welt zu verstehen und damit umzugehen. 

Der spielende Mensch als Leistungsträger

Der von Johan Huizingas beschriebene „Homo ludens“ (der spielende Mensch) ist in der Lage, durch spielen seine einzigartigen Eigenschaften und Fähigkeiten zu entwickeln und zu vertiefen, abstraktes Denken zu fördern, das Sprachvermögen auszubauen und sich selbst zu regulieren. Zudem verändert sich durch das Spielen die Struktur des Gehirns – Plastizität und Lernleistung lassen sich signifikant verbessern. Sportliche Spiele fördern zudem die motorischen Fähigkeiten. Das Modell des Homo ludens besagt, dass der Mensch das Spiel als elementare Form der Sinn-Findung braucht, um sich zu verändern. Soweit die Theorie. Doch was bedeutet die Spieltheorie für die Gamification-Praxis? 

Der Weg ist das Ziel

Gamification kann dem Menschen helfen, verschiedene Aspekte des Lebens besser zu meistern, wie zum Beispiel im eigenen Gesundheitsmanagement, wenn es um die Rauchentwöhnung oder um das Abnehmen geht. Auch im beruflichen Bereich oder in der Bildung werden in den nächsten Jahren die Vorteile deutlich.

Fraglich ist jedoch, unter welchen spezifischen Bedingungen Gamification als Vermittlungsfunktion dienen kann, um Motivations-, Optimierungs- und Lerneffekte positiv zu beeinflussen. Schließlich hängen konkrete Erfolge maßgeblich vom spielenden Menschen ab!

Das Spiel braucht ein gewisses Maß an Freiheit und Losgelöstheit von bestimmten Bedingungen, damit der Spieler sich und seine Fähigkeiten auch voll entfalten kann. Dennoch ist ein Spiel nur dann spielenswert, wenn es Regeln gibt, an denen sich der Spieler ausprobieren kann. Das Ziel ist nicht zwingend, als Gewinner hervor zu gehen – vielmehr ist es sinnvoller das Spielen an sich als Gewinn zu betrachten und daraus eine nachhaltige Befriedigung zu ziehen. Unter diesen Umständen kann Gamification einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Produktivität zu steigern und Spaß an der Arbeit zu entwickeln.

Im dritten Teil erfahren Sie mehr über die Zukunftsaussichten von Gamification.

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