Telemedizin revolutioniert das Gesundheitswesen

Wenn der Arzt per Knopfdruck erreichbar ist

Die demografische Entwicklung und der medizinische Fortschritt verlangen nach neuen Lösungen, um die Gesundheitsversorgung weiter aufrechtzuerhalten und im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu bleiben. Telemedizinische Ansätze, wie sie in anderen Ländern bereits gang und gäbe sind, sollen nun auch in Deutschland die stetig steigenden Ausgaben des Gesundheitswesens entlasten.

Telemedizin ist mehr als nur Ferndiagnostik

Hauptschwerpunkt der Telemedizin ist die Ferndiagnostik und –therapie zwischen Arzt und Patient, beziehungsweise eine Befundung zwischen zwei sich konsultierenden Ärzten mit dem Ziel, die Patientenversorgung zu verbessern und Probleme in der Behandlung schneller zu erkennen. Auch in der Kommunikation zwischen Patient und Apotheker findet die Telemedizin Ansatzpunkte.

Durch Einsatz IT-basierter Technik werden medizinische Daten und Informationen verarbeitet und genutzt. Vor allem audiovisuelle Kommunikationstechnologien kommen in der Telemedizin zum Einsatz, um Diagnostik, Konsultation und medizinische Notfalldienste raumübergreifend zu gewährleisten. Bereits jetzt können dadurch die Hospitalisierungsraten chronisch kranker Patienten reduziert werden. Dabei ist das Potenzial der Telemedizin noch längst nicht ausgeschöpft. Im Gegenteil: Der Wirtschaftssektor eHealth steht in Deutschland erst am Anfang. Gerade plant die Politik ein eHealth-Gesetz, um neuen Anwendungen den Weg zu ebnen.

Vor allem für chronisch kranke Menschen kann die Telemedizin ein Segen sein. Regelmäßige Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sind belastend und der Weg in die Einrichtungen – besonders auf dem Land – oft weit. Zu Hause ein möglichst normales Leben zu führen, mit der Sicherheit im Notfall Hilfe zu bekommen, ist der Wunsch vieler Patienten.

Verschiedene Beispiele zeigen, welches Potenzial in der Telemedizin steckt. Zwei Projekte möchten wir näher vorstellen.

Beispiel „FONTANE“: Telemedizinische Versorgung im ländlichen Raum

Wie Telemedizin funktionieren kann, zeigt das Beispiel des Forschungs- und Entwicklungsprojektes „FONTANE“, das Patienten mit Herzinsuffizienz im ländlichen Raum betreut. Die Studie überprüft die Evidenz eines Telemedizinansatzes zur Verbesserung der Betreuungsqualität im strukturschwachen Nordbrandenburg durch Sektoren übergreifenden Einsatz moderner Informationstechnologien und biomarkerbasierter Diagnostik- und Therapiesteuerung.

Hat ein Klient plötzlich auftretende Herzprobleme, wendet er sich an sein Telemedizinzentrum (TMZ), das anhand der elektronischen Krankenakte sowie den ständig aufgezeichneten und übermittelten Vitalwerten entscheidet, welche medizinischen Maßnahmen eingeleitet werden müssen. Unabhängig davon überprüft das Personal anhand der gesendeten Parameter den Gesundheitszustand. Wenn etwas nicht stimmt, informiert das TMZ den Patient und leitet Notfallmaßnahmen ein. Auf diese Weise können auffällige Befunde frühzeitig erkannt und behandelt werden. Die gewonnenen Daten werden per Bluetooth an das PhysioGate übertragen, das die Werte über Mobilfunk weiter an das Telemedizinzentrum sendet.

Das Projekt versucht den Nachweis zu erbringen, dass Telemedizin vor allem in strukturschwachen Regionen zur Verbesserung der Versorgung führt. Dabei ist es notwendig, die telemedizinische Betreuung in bestehende Versorgungsstrukturen zu integrieren.

Telemedizinische Versorgung

Beispiel „CCS Telehealth Ostsachsen“: Medizinische Versorgung in infrastrukturell schwacher Region

Im März 2014 startete Deutschlands größtes Telemedizin-Projekt „CCS Telehealth Ostsachsen“ mit dem Ziel, mittels eHealth den strukturschwachen Bereich im Osten der Republik zu unterstützen. Die Hälfte der technischen und medizinischen Vorbereitungen ist bereits abgeschlossen. An den beteiligten Kliniken haben medizinische Teams ihre Arbeit aufgenommen, Behandlungspfade und Betreuungskonzepte wurden implementiert. Zudem werden Casemanager und Telenurses für das System geschult und Patienten für die Pilotphase ausgewählt, die im Mai kommenden Jahres beginnt. Ab Juli 2015 soll „Telehealth Ostsachsen“ online gehen.

Drei Beispielanwendungen werden zunächst auf der Plattform implementiert. „Telecoaching“ (Behandlung von Herzinsuffizienz), „Tele-Stroke“ (Schlaganfall-Nachsorge) und „Telepathologie“ (Zweitbefundung von Gewebeproben) nutzen die Infrastruktur auf unterschiedliche Weise und zeigen die Bandbreite des künftigen Versorgungsprojektes. Weitere Anwendungsbeispiele aus den verschiedensten medizinischen Fachgebieten sollen folgen.

Das Projekt wurde mit den Zielen ins Leben gerufen, eine offene Plattform zur Nutzung telemedizinischer Anwendungen zu schaffen, eine wohnortnahe medizinische Versorgung der Patienten zu erreichen und eine breite Vernetzung in der Gesundheitsregion Ostsachsens zu gewährleisten.

Neben Voice over IP Telefonie, internen Nachrichten und Videotelefonie bietet die Plattform Unterstützung bei telemedizinischen Arbeitsprozessen.
Gemeinsame Standards, einheitliche Zertifizierungsverfahren und die für alle bindende IT-Infrastruktur bilden die Arbeitsbasis. So wird die ungehinderte Kommunikation zwischen Patienten, Therapeuten, Ärzten und Krankenhäusern gewährleistet.
Das innovative und in Europa einzigartige Projekt gewährleistet eine offene und erweiterbare Telemedizin-Infrastruktur für Krankenhäuser und ambulante Praxen in der Region.

Studie belegt: Telemedizin erhöht Überlebenswahrscheinlichkeit für herzschwache Patienten

Wie eine aktuelle Studie des Instituts für Community Medicine der Universität Greifswald zum Telemedizin-Projekt „AOK-Curaplan Herz Plus“ belegt, haben Patienten mit Herzinsuffizienz, die via Telemedizin betreut werden, eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit, als diejenigen, die auf herkömmliche Weise behandelt werden. Das bestätigte der Ein-Jahres-Check genauso, wie die Sensitivitätsanalyse nach zwei Jahren.

Die Studie untersuchte das Überleben und die Behandlungskosten von über 5.000 Patienten mit Herzschwäche. Dabei verglichen die Forscher 1.943 Personen aus dem telemedizinischen Programm mit 3.719 Nichtteilnehmern. Beide Gruppen wiesen zu Beginn der Analyse die gleichen Voraussetzungen auf, was beispielsweise den Schweregrad der Krankheit, Alter und Geschlecht betraf.
Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Patienten, die über Telemedizin betreut werden, war um bis zu 70 Prozent höher.

Zu dem Behandlungsnutzen kommen auch entscheidende Kostenvorteile hinzu. Mehr als 1.100 Euro pro Patient und Jahr können durch telemedizinische Maßnahmen eingespart werden. Im ländlichen Raum fiel dieser Effekt deutlich höher aus, als im städtischen. Die Einspareffekte liegen zum Teil deutlich über den Programmkosten.

Technisch ist vieles möglich

Verschiedene Apps für Mobiltelefone unterstützen den Patienten bereits heute in der Kommunikation mit seinem Arzt, indem sie regelmäßig Vitalwerte via Smartphone erfassen und an den Mediziner weiterleiten. Je nach eHealth-Anwendungsform wird der Mensch stärker in den medizinischen Prozess eingebunden.

Auch die Begutachtung des Patienten per Video auf dem einen Bildschirm, während der andere Monitor plastische MRT-Bilder von dessen Organen und die letzten Blutwerte anzeigt, die per Datenleitung parallel zur Befundung bereitstehen, ist längst kein Zukunftsszenario mehr. Technik und Know-how sind vorhanden – was fehlt, ist der gesetzliche Rahmen.

Doch was hilft das Sammeln von Daten oder der elektronische Arztbrief aus der Klinik, wenn der Empfänger die Ergebnisse nicht lesen und nutzen kann? IT-Inseln helfen niemandem. Deshalb müssen einheitliche Regeln und Standards geschaffen werden, damit individuell entwickelte Softwareprogramme mit anderen kommunizieren können. Das Zauberwort heißt „technische Interoperabilität“.

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